Lollapalooza oder Die Rückkehr des Bauchtascherls

Das Lollapalooza-Festival ist sozusagen das Rock im Park Chicagos. Vom 1. bis 3. August fand es dieses Jahr zum zehnten Mal im Grant Park, direkt an der quirligen Einkaufsmeile Michigan Avenue, statt. Besser könnte die Location nicht sein: im Norden, Westen und Süden ragt eine beeindruckende Skyline in den Himmel, im Osten liegt der Lake Michigan. Dieser Ausblick macht das Festival wirklich zu etwas Besonderem, vor allem, wenn abends langsam die Sonne hinter der Elektro-lastigen Perry’s Stage verschwindet. Der geographische Mittelpunkt des Festivalgeländes ist eigentlich auch schon fast selbst eine Ikone der pop culture: Die riesige Buckhingham Fountain, bekannt aus dem Intro der Sitcom “Eine schrecklich nette Familie“.

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Auch sonst macht sich bemerkt, dass das Lollapalooza eine sehr urbane Note hat. Das erste, was jeder erprobte Frequency- oder Novarock-Besucher sofort vermisst, ist der Campingplatz! Keine Zelte? Kein Schlafsack? Kein Gaskocher?  Nein, zum Lolla wird mit U-Bahn, Bus oder Amtrak angereist, und man schläft im Hotel, Hostel oder surft Couch. Das macht das Festival dann eher zu einer Tagesveranstaltung, und sowohl Aftershow-Sause als auch das gemütliche gemeinsame Ausklingen der Konzertreigens in der Zeltkolonie samt Gute-Nacht-Bier (oder erstem Zahnputz-Bier) fallen somit flach, beziehungsweise finden in Clubs bei Einzelkonzerten der Festivalbands statt.

Nachdem hier also niemand unausgeschlafen und tagelang ungeduscht aus dem Zelt kriechen muss, ist das Lollapalooza-Publikum auch mitunter sehr aufgebrezelt. Lange Locken, Blumenkränze und unsagbar knappe Jeans-Hotpants waren der Dresscode bei den Mädels. Und: das Bauchtascherl feierte sein Comeback! Allgegenwärtig waren außerdem glänzende, quietschfarbene Helium-Luftballons und übergroße Gesichter-Prints, die wie Plakate aus der Menge ragten.

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Wenn amerikanische FestivalgeherInnen etwas sind, dann gut hydriert. Ich habe ja die Vermutung, dass auf dem Lolla mehr Wasser als Bier konsumiert wurde. Zumindest wenn man europäische Musikfestivals als Referenz nimmt, kamen mir bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen alle BesucherInnen absolut nüchtern vor. Ob’s an den 8 $ für ein Bier lag? Ich stütze meine Behauptung jedenfalls auf die Omnipräsenz der Camelbak-Rucksäcke. Das sind winzige Rucksäcke, die gerade mal eine Wasserflasche oder einen wiederbefüllbaren Wasserbeutel fassen, und aus denen dünne Plastikschläuche ragen, aus denen man jederzeit Flüssigkeit saugen kann. An sich praktisch. Aber den gleichen Zweck erfüllt ja auch ein Trinkhelm.  ;-) An Wasserstationen konnten die H2O-Vorräte gratis wieder aufgefüllt werden.

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Zum Line up: Da das Lollapalooza meistens schon wenige Stunden nach Kartenfreigabe ausverkauft ist, kommt man leider nicht umhin, sich Tickets zu sichern, bevor das Line up überhaupt bekanntgegeben wurde. Deshalb waren wir zwar sehr euphorisch, als wir tatsächlich Dreitagespässe ergatterten, aber enttäuscht, als wir uns durch das Line up scrollten.  Foster the People! Arctic Monkeys! The Kooks! Kate Nash! Outcast.Skrillex. Eminem? (Fun Fact #1: Eminem hatte angeblich 70% der Leute am ersten Festivaltag.) Dass Eminem also doch noch cool ist, zeigte sein Set mit Überraschungsgast Rihanna, die ihn bei einigen Nummern (unter anderem Stan) unterstützte. Dem Hang des Mittleren Westens der USA zur Country und Honky Tonk-Musik wurde das Lolla-Line up auch gerecht, zum beispiel mit Auftritten der Avett Brothers und des John Butler Trios. Jedenfalls war’s so mal ein sehr entspanntes Festival, weil man sich einfach von Bühne zu Bühne (7 insgesamt) treiben lassen konnte und Acts sah, die sich als tolle Entdeckungen herausstellten (Fitz and the Tantrums! Das DJ-Schwestern-Duo Krewella aus Chicago! Betty Who!) oder in Europa noch eher unbekannt sind. Überhaupt war das Lollapalooza-Line up eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Festival-Fixtstartern, die seit Jahren über Europas Sommerbühnen rocken. Selbst wenn der Headliner die Zugabe bereits um 22 Uhr beendete. Zapfenstreich in Downtown Chicago!

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Fotos: Courtesy of Jan Pöschko

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